Bilderbuch Berlin

Die Großstadt ist die perfekte Spielwiese für Kreative, die es bevorzugen, außerhalb von stickigen Galerieräumen oder unbeheizten Ateliers Werke zu erschaffen und auszustellen. a.De - Berlin-FriedrichshainJeder in Berlin wird schon mal die linke Faust von cbs an Wänden, Brücken und Laternen gesehen haben, oder die Stencils von Alias, einigen werden vielleicht auch die Sticker in Herzform aufgefallen sein, die hier und da die Signallichter der Ampeln verschönern.

Auch wenn diese Form der Straßenkunst vielerorts noch als Beschmutzung öffentlichen Raums geahndet wird, ist sie doch in den letzten Jahren salonfähig, um nicht zu sagen „in“ geworden. Die Zahl der Galerien in Berlin, die diese Art der Kunst für sich entdeckt haben, die Werke der Künstler ausstellen und so ihre Bekanntheit fördern, scheint stetig zu wachsen.

Im Juli dieses Jahres gab es zum zweiten Mal das Streetart Festival Urban Affairs – im Weddinger Stadtbad wurden von Installationen über Writings bis hin zu Hochglanzgrafiken verschiedene Formen der urbanen Kunst ausgestellt, einige der bekanntesten Berliner Streetartists und ihre in- und ausländischen Kollegen durfte man sogar bei der Arbeit bestaunen. Ebenso im Sommer diesen Jahres wurde in der Luckenwalderstrasse in Mitte das wohl größte Graffiti Berlins enthüllt – deutsche und lateinamerikanische Künstler haben hier auf dem Mercure Hotel ein 600 Quadratmeter großes Werk vollbracht. Hinzu kommen unzählige Blogs, sowie immer mehr Bücher und Stadtführer, die sich der Szene widmen und über neue Werke, Arbeitsweisen, Künstler und Ausstellungen informieren. Viele der Sprayer leben nicht mehr im Untergrund, Künstler wie Tona, El bocho oder n0el stellen auf eigenen myspace-Profilen ihre Arbeiten vor.

 

Gerade durch die künstlerische Anerkennung der Streetart, stellt sich die Frage nach der Kommerzialisierung derselben und danach, in wie weit sich die Künstler der Straße an die neuen Möglichkeiten aber auch Abhängigkeiten anpassen. Gerade in Berlin, der Stadt, die sich immer verändert, in der einerseits immer mehr exklusiver Wohnraum und neue Bürohäuser entstehen, auf der anderen Seite weiterhin halb verfallene und halb besetzte Häuser zum eigenen Charme der Hauptstadt beitragen, ist diese Frage mehr als angebracht. Auf einer ehemaligen Brachfläche in Berlin Friedrichshain beispielsweise werden seit einigen Monaten luxuriöse Wohnhäuser errichtet – darüber dürfte sich im Bezirk wohl nicht jeder freuen. An einer der frischen Hauswände hat sich einer der bekanntesten Streetartists der Berliner Szene, NOMAD, zu schaffen gemacht und ein riesiges Wandbild kreiert, das den weiß getünchten Neuling ein etwas freundlicheres Aussehen verleiht, sich andererseits aber wunderbar an dessen Kühle anpasst. Um den Kontrast, den sowohl die Stadt, als auch die Verbreitung der Straßenkunst hier innehat, zu sehen, braucht man nur wenige Schritte auf der Richard-Sorge-Strasse weiter zu laufen. Auf den ockerfarbenen, bröckelnden Ziegeln der ehemaligen Aktienbrauerei Friedrichshöhe findet man weitere Graffitis, Grafiken, Stencils und Paste-ups, unter anderem den überall in Berlin anzutreffenden SAM-Affen oder die Katzenverspielte Little Lucy. Auf diesen zum Teil mit Brettern verschlagenen Wänden bleibt jedoch nichts für ewig und so erscheint die Kunst des Sprühens und Beklebens hier immer lebendig. „Ich würde meine Werke niemals an die Industrie verkaufen, ich habe aber nichts dagegen, wenn sie in Galerien ausgestellt und verkauft wird“, sagt der Berliner Straßenkünstler Xoooox, und dass Künstler mit ihren Werken auch mal Geld verdienen wollen, das ist nicht per se verwerflich.

a.De - Berlin-FriedrichshainFast jeder Artist wird aber auch zugeben, dass sich bei weitem nicht alles, was auf der Straße entsteht, in die geschlossenen Räume einer Galerie verlagern lässt – so besteht die Hoffnung, dass die Kommerzialisierung der Straßenkunst ihr selbst nicht schaden wird, indem sie ihr das wegnimmt, was das wichtigste ist: die Straße. Und die Berliner Straßen bieten den Künstlern viele Möglichkeiten. Benjamin Wolberg, der Designer, Fotograf und Autor des Stadtführers Urban Illustration: Street Art City Guide Berlin meint „die vielen und großen freien Räume“ würden Berlin so attraktiv machen. Auch Xoooox, der trotz seiner Bekanntheit die Anonymität vorzieht, sagt in einem Interview mit dem Tagesspiegel:

a.De - Berlin-Friedrichshain

„In Berlin gibt es auch heute noch jede Menge unsanierte Ecken. Selbst in sanierten Gegenden findet man neben renovierten Häusern immer noch eine alte Mauer. Ich mag den Charakter solcher Mauerwerke. Dahinter steckt immer eine lange Geschichte.“

 

Geschichte und Streetart kommen in Berlin wohl am deutlichsten auf der Mauer der East Side Gallery zusammen. Anfang 1990 wurde diese größte Open Air Galerie der Welt zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke geschaffen, 105 Bilder von ebenso vielen internationalen Künstlern zierten seitdem die ausgediente Berliner Mauer. Von der Witterung angefressen, soll die Ausstellungsfläche dieses Jahr saniert werden, und damit auch die Werke. Schon gab es Schwierigkeiten: einige der Künstler haben sich geweigert, ihre Bilder erneut auf den Beton zu bringen, überwiegend wegen der „zu geringen“ Aufwandsentschädigung. Solange nun, neben zahlreichen anderen Gebäuden und Flächen in Berlin, auch dieses Denkmal der Freiheit saniert wird, sollte man vielleicht den Stadtführer einstecken, sich das S-Bahn Ticket sparen und einfach durch die Strassen schlendern, um dort kleinere, aber ebenso bedeutende Freiheitszeichen der Berliner Urban Artists zu entdecken.

a.De

www.debska.de